36 (klassische Ausbildungs)Berufe fürs Internet – für die Zielgruppenerweiterung im Startup Recruiting

Susanne Vieser, 28.11.2011, Keine Kommentare
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Heiteres Berufe Raten: Was macht wohl ein Drahtzieher oder ein Revolverdreher oder ein Geomatiker? Soll einer nochmal sagen, die deutsche Arbeitswelt wäre öde und langweilig. Es gibt jedenfalls eine Menge interessante Aufgaben und gefragte Profile unter den Lehrberufen zu entdecken. Auch und gerade für die Online-Wirtschaft und für Internet-Unternehmen, meint unsere Gastautorin Susanne Vieser. Auf die Fragen einiger Leser und auch Web-Unternehmen hin, wurden nach dem Text weitere Lehrberufe für die Onlinebranche aufgelistet.

Es ist schon merkwürdig: Da kommen tagtäglich in Deutschland Startups mit neuen Geschäftsmodellen fürs Internet heraus. Fragen aber Schüler ihre Eltern oder Lehrer nach möglichen Berufen fürs Internet oder surfen auf die Informationsportale von Verbänden, Arbeits-Agenturen und anderen einschlägigen Organisationen, dann bekommen sie meist nur fünf IT-Berufe genannt: Fachinformatiker (davon gibt’s zwei, den für Anwendungen und den für Systeme), IT-System-Elektroniker, IT-System-Kaufleute und Informatik-Kaufleute. Alle klingen nach viel Technik – und schrecken daher viele Youngsters und insbesondere die Mädchen ab. „Was mit Medien“ – derzeit stark gefragt unter Jugendlichen – ist unter diesen Profilen nicht auszumachen.

Dabei  lassen sich unter den knapp 350 Lehrberufen, die ohne ein Studium in zwei bis drei Jahren praktisch in einem Unternehmen zu lernen sind, mindestens 30 weitere entdecken, die einen Bezug zu Internet-Geschäften haben und sehr gesucht sein müssten in der Branche: Berufe wie Drogist, Reise- oder Tourismus-Kaufleute, Bank-Kaufleute sowie die Fachkräfte für Personaldienstleistungen sind da noch gar nicht enthalten.

Personalsuche im Kreis
Das Unwissen über die bestehenden Lehrberufe ist meines Erachtens einer der wichtigsten Gründe für die Ausbildungs-Misere, aber auch für den viel beklagten Fachkräftemangel in der Branche. Startups und etablierte Internet-Unternehmen kennen die gängigen Ausbildungsprofile nicht ausreichend – und suchen daher alle stets in den gleichen Zielgruppen und in der Regel sowieso nur in Hochschulen nach Nachwuchs und Talenten. Abiturienten, mehr noch Real- und Hauptschüler, die nach der Schule erstmal keine Lust mehr haben auf Theorie, sondern endlich aus der Praxis lernen und mit anpacken wollen, bleiben außen vor. Und: Ihre einschlägigen Informationsquellen nennen die immer gleichen IT-Berufe. Da beißt sich die Katze wieder einmal in den Schwanz: Die Unternehmen klagen weiter über Fachkräftemangel und ganze Jahrgänge von Schülern erreichen, wenn überhaupt, die Online-Branche nur über Umwege.

Wachsende Selbstreferenz im Internet – auch bei der Personalsuche
Man könnte diese Situation auch als eine weitere Form der wachsenden Selbstreferenz im Internet sehen: So wie Amazon und Konsorten mir ständig Waren nach persönlichen Vorlieben oder nach dem Motto „Wer dies kaufte, bestellt auch das“ vorschlagen und mich leider nie mit Abseitigem oder auch Gegenteiligem überraschen, so kreist, wie mir scheint, auch die Suche nach Personal bei Online-Händlern, Multimedia-Agenturen oder technischen Web-Dienstleistern stets um dieselben Profile und Fähigkeiten. Ich habe jedenfalls in den vergangenen Wochen in noch keiner Stellenbörse eine Ausschreibung für einen Geomatiker gelesen. Die müssten jetzt aber ziemlich gefragt sein – gerade bei den Unternehmen, die sich auf Location Based Services im mobilen Netz oder auf lokale Suche spezialisieren. Sie benötigen doch genau die Fachleute, die sich mit Geodaten auskennen, wissen, wo diese zuverlässig aufzufinden sind und wie sie diese technisch aufbereiten. Auch Film- und Videoeditoren oder Fachangestellte für Markt- und Sozialforschung müssten online Hände ringend gesucht werden. Bewegtbild ist doch DER Trend in der Online-Werbung und -Information. Experten, die aus mauem Film- und Videomaterial mehr herauskitzeln und dieses editieren können, wären also richtig in Unternehmen, die Bewegtbild ins World Wide Web schicken oder für Werbung aufbereiten. Sie werden dort aber nicht gesucht. Dass zudem jemand, der wie eine Fachkraft für Markt- und Sozialforschung gelernt hat, unterschiedlichste Verbrauchs- und Konsumentendaten zu sammeln, sich sehr gut eignet, Nutzerdaten aufzuarbeiten und zu interpretieren, liegt ebenfalls nahe. Aber von einem Webanalyse-Unternehmen, das nach so einer Kraft fahndet oder – besser noch – diesen endlich ausbildet, habe ich noch nicht gehört.

Mehr Wissen über Berufsprofile gefragt
Mehr Wissen über die bestehenden Berufsbilder wäre angebracht in der Online-Branche und vor allem auch bei deren Lobbyisten und Verbänden. Dann würde vielleicht auch mehr für diese Berufe und die Onlinebranche unter Schülern und Jugendlichen geklappert werden. Nur wenn Berufe, die zurzeit noch ein Schattendasein fristen, aber gefragt sind, auch hip oder trendy oder sonstwie attraktiv für Jugendliche werden, kann sich die Arbeitswelt wandeln und passen sich alte Berufsbilder den neuen digitalen Zeiten an. Sicher lernen Startups und Web-Unternehmen dann auch, in den Bereichen nach Mitarbeitern zu suchen, die mit ihren Geschäftssparten verwandt sind: Warum beispielsweise wildert die Branche nicht in Bereichen, wo wie in Verlagen und Medienkonzernen oder auch im Handel Personal abgebaut wird? Es sind doch keine grundsätzlichen neuen Tätigkeiten, die das Internet schafft, sondern nur neue Techniken und Handgriffe, die jeder lernen kann und schnell kapiert.

Die Berufe-Liste
Die unten stehende Liste von Berufen, die auch in Web-Unternehmen gefragt sind, muss nicht vollständig sein. Anregungen und weitere Vorschläge sind höchst willkommen! Das Berufe-Net der Arbeitsagenturen informiert über die Tätigkeitsprofile. Das Bundesinstitut für Berufsbildung nennt dazu die Anforderung an Lehre und Ausbildungsbetriebe.

Ach ja, und bevor ich’s vergesse: Der Drahtzieher arbeitet übrigens nicht als graue Eminenz im Hintergrund, sondern stellt aus Metallteilen Draht her. Ein Revolverdreher kooperiert nicht mit Cowboys, Polizei oder Gangstern, sondern produziert an einer Spezialmaschine runde Metallteile für Anlagen und Maschinen: Klingt beides durchaus auch interessant, bringt aber zugegeben eher keine neuen Erfahrungen fürs Internet.

Berufe für den Online-Handel:
Buchhändler – spezialisiert auf den Verkauf von Büchern und Medien, neuerdings auch auf die Downloads von E-Books.
Kaufleute im Einzelhandel sind Spezialisten fürs Verkaufen.
Musikfachhändler spezialisieren sich auf den Verkauf von Musik, Instrumenten und Medien und kennen sich heute auch mit Onlineshops und Downloads aus.
Verkäufer – werden bisher nur im Einzelhandel ausgebildet, warum eigentlich nicht bei den Online-Händlern?

Berufe für Agenturen, Portale und Dienstleister:
Kaufleute für Dialogmarketing sind die Spezialisten auch für Email-Marketing und für Social Media und lernen die Techniken des Direktverkaufs.
Fachangestellte für Markt- und Sozialforschung sind Datenexperten, sammeln Markt- und Nutzerdaten und stellen sie unterschiedlichen Abteilungen zur Verfügung.
Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste verstehen sich aufs Archivieren und Organisieren von Medieninformationen – und könnten auch in einer Agentur oder bei einem Portal arbeiten.
Fachkräfte für Veranstaltungstechnik bereichern Online-Agenturen, die auch zuweilen für Kunden Veranstaltungen organisierten – im und übers Web zum Beispiel.
Film- und Videoeditoren kümmern sich darum, dass Bewegtbild gut aussieht – auch im WWW.
Film- und Videolaboranten helfen den Editoren bei der Auswahl und bei der Bearbeitung von Filmmaterial.
Fotomedienfachleute kennen sich mit Fotos sehr gut aus, wissen, wie man sie verkauft oder veröffentlicht.
Gestalter für visuelles Marketing sind zunehmend im Internet gefragt, etwa bei Online-Händlern und in Agenturen.
Kaufleute für Marketing-Kommunikation planen und organisieren Kommunikation und kontrollieren, dass die Budgets eingehalten werden.
Kaufleute audiovisuelle Medien organisieren die Produktion von Werbematerialien.
Mediengestalter Bild Ton sorgen für gute Bilder und die richtigen Töne.
Mediengestalter Digital und Print kümmern sich um das Aussehen von Websites, Shops und anderen Diensten.
Medienkaufleute Digital und Print vermarkten Onlinemedien, entwickeln zudem Strategien für neue Produkte und organisieren die einzelnen Produktionsschritte.
Servicefachkräfte Dialogmarketing beraten Kunden am Telefon oder online, bearbeiten Reklamationen und Leserbriefe.
Veranstaltungskaufleute vermarkten Events – auch solche, die ausschließlich im Internet stattfinden.

Berufe fürs Backoffice:
Geomatiker bereiten geografische Daten auf.
Industriemechaniker helfen auch bei der Wartung von Systemen und Servern.
Informatikkaufleute planen elektronische Systeme und helfen beim Aufbau derselben.
Informationselektroniker installieren und warten informationstechnische Systeme und beraten auch Kunden bei Anwendungen und Technik.
Mathematisch-technischer Softwareentwickler programmieren und planen neue Software.
Systemelektroniker entwickeln elektronische Komponenten und Systeme und warten diese.
Systeminformatiker arbeiten daran mit, industrielle informations-technologische Systeme aufzubauen und diese weiter zu entwickeln.

Berufe fürs Lager und für die Logistik:
Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen muss bei Online-Händlern gefragt sein und auch ausgebildet werden.
Fachkraft für Lagerlogistik unterstützt überall, wo es um schnelles Liefern geht.
Kaufleute für Kurier- Express- und Postdienstleistungen vermarkten Lieferservices, können diese aber auch für ein Unternehmen organisierten und aufbauen.

Die Generalisten fürs Internet:
Bürokaufleute organisieren und verwalten, legen  ab und sorgen für Ordnung. Sie können in jeder Abteilung eines Webunternehmens eingesetzt werden.
Industriekaufleute organisieren und helfen bei der Vermarktung von Waren und Dienstleistungen. Auch sie bringen Agenturen und bei Händlern Unterstützung.
Kaufleute im Groß- und Außenhandel können den B2B-Handel oder auch die Internationalisierung auf Trab bringen und bei Marktplätzen Onlinegeschäfte lernen.
Kaufleute für Bürokommunikation erledigen Sekretariats- und Assistenzaufgaben und übernehmen die Verwaltung sowie die Kostenkontrolle von Abteilungen.

Die Liste ist nicht vollständig, Vorschläge und Anregungen für mehr Internet-Berufe sind willkommen!

Über die Autorin Susanne Vieser:

Susanne Vieser hat in München die Netzwerks-Agentur Text, Art&Konzept gegründet, die Start-ups und Firmen in Marketing- und PR-Fragen berät und auch Konzepte fürs Personalmarketing entwickelt.

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