Interview: Wie JvM Facebook-Places für Guerilla-Recruiting einsetzt

Yvonne Neubauer, 07.10.2010, 8 Kommentare

Ein iPhone, eine ausgetrickste Firewall, die Einführung von Facebook-Places in Deutschland und die Überlegung, die Mitarbeiter der direkten Konkurrenz abzugewinnen – so lassen sich die wichtigsten Kampfmittel von  Jung von Matt/Neckar im “War for Talents”  benennen.

Als Facebook  die neue Funktion Places in Deutschland startete, ahnte keiner, dass  die Werbeagentur diese bereits vier Wochen vorher für eine Guerilla-Recruiting-Aktion manipuliert hatte.  Sie hatten einfach die Orte ihrer direkten Mitbewerber bereits selbst angelegt.  Sobald jemand mit einem mobilen Gerät  über Facebook- Places bei der Konkurrenz eincheckte,  platzte die Bombe. Auf dem Display der Kunden und Mitarbeiter der anderen Agenturen tauchten diese Zeilen auf:   “Erster! Wärt ihr auch gern? Dann checkt doch ein bei www.jvm-neckar.de/jobs wir suchen neue Köpfe!”

Dabei ist Places bzw. Orte eigentlich ein neuer Facebook-Dienst, mit dem Nutzer ihren Aufenthaltsort angeben und sehen können, wo sich  ihre Freunde gerade aufhalten.  Damit will Facebook seinen Nutzern die Möglichkeit geben,  nicht nur online mit Freunden in den Kontakt zu treten, sondern sie an einem Ort zu markieren, diesen zu kommentieren und sich gegebenfalls persönlich dort zu treffen.

Die Aktion Erster! ist also wahrlich nicht im Sinne der Erfinder von Places – aber wie für eine Guerilla entscheidend, unterstützt das Online-Volk die Aktion durch rasches Verbreiten der Inhalte. Im Interview erzählt Kai Heuser, seines Zeichens Creative Director im Bereich Neue Medien und Anführer der Recruiting-Kampage,  zum  Beispiel von den strategischen Vorbereitungen oder den Reaktionen der Konkurrenz.

Welche Köpfe stecken hinter der Aktion “Erster!” ?

Insgesamt waren wir ein dreiköpfiges Kernteam: Michael Ohanian, Geschäftsleiter Kreation, Gün Aydemir, Text und ich, Creative Director Online.

Wie kam die Idee zustande?

Ziemlich spontan, sie war ehrlich gesagt nicht langfristig geplant. Bei einem internen Meeting war die Einführung von Facebook-Places Thema, und danach entstand die Idee, dies für eine Recruiting-Aktion zu nutzen.

Gab es eine Zusammenarbeit mit der Personalabteilung?

Die zentrale Personalabteilung sitzt  bei Jung von Matt/Basis in Hamburg. Die Facebook-Places-Aktion haben wir von Jung von Matt/Neckar aus geplant und durchgeführt. Von der Personalabteilung haben wir aber Input bekommen. Beispielsweise hat sie uns beraten, welche Agenturen wir für unsere Aktion nutzen.

Wie lange war die Vorbereitungszeit? Was habt ihr in dieser Zeit vorbereitet?

Wir haben den internationalen Rollout beobachtet und uns angeschaut, wie Facebook-Places funktioniert und bei den Usern ankommt. Mit Hilfe der Facebook-iPhone-App und einem Virtual- Personal- Network, das der Anwendung eine amerikanische IP vorgaukelte, umgingen wir die Firewall, die vor Zugriffen außerhalb der USA schützt. So konnten wir schon vor dem Start des neuen Facebook- Dienstes Places in Deutschland anlegen und waren etwa vier Wochen  bevor der Dienst in Deutschland ausgerollt wurde, mit unserer Aktion startklar.

Wie fühlt es sich an, wenn man solche Aktion startet?

Das war spannend. Wir wussten ja auch nicht, wann genau Places in Deutschland an den Start gehen würde. Es war klar, dass es Places auch in Deutschland geben würde, aber man wusste nicht genau wann. Also haben wir Facebook und die einschlägigen Blogs beobachtet und den Start des Dienstes in Japan verfolgt, dann in Australien, Italien und Frankreich. Geographisch kam der Launch immer näher. Es war nur eine Frage der Zeit, wann es auch in Deutschland losgehen würde.

Worin liegt der größere Nutzen? In der erhöhten Aufmerksamkeit auf Jung von Matt/Neckar durch die Aktion? Oder ist das Ziel tatsächlich die Abwerbung von Mitarbeitern der Konkurrenz?

Ich denke, dass geht miteinander einher. Natürlich suchen wir gute Leute für den Online- und Social-Media Bereich, die Spaß haben, solche spannenden Projekte aufzusetzen. Aber es geht auch um Aufmerksamkeit für die Agentur. Besonders für unsere Kompetenz in diesem Bereich – die haben wir unterstrichen und gezeigt, wie wir sie clever nutzen und gezielt einsetzen können.

Warum Facebook? Gab es Überlegungen, dieses Konzept auch für andere local-based-services wie Foursquare einzusetzen?

Nein, denn Facebook ist der größte Player mit einer großen Mitgliederzahl. Andere Agenturen sind bei Diensten wir Foursquare schon sehr etabliert – Places gab es in Deutschland noch nicht. Die Chance wollten wir nutzen.

Welche Reaktionen gab es auf “Erster!” ?

Viele. Die kann man auch auf unserer Seite Bewegungsmelder sehen, da werden zum Beispiel Twitternachrichten die @bewegungsmelder enthalten, aggregiert. Es gab natürlich auch einige kritische Stimmen, aber der Großteil der Reaktionen war positiv und hielt es für eine coole Idee. Die Nachricht über “Erster!” hat sich schnell verbreitet und wird auch jetzt noch stark geteilt.

Wie waren denn die Reaktionen der Konkurrenten von Jung von Matt/Neckar, bei denen ihr euch eingehackt habt?

Naja, eingehackt halte ich für ein zu starkes Wort.  Neue Digitale / Razorfish und Kolle Rebbe haben bislang reagiert. Besonders von ersteren fand ich die Reaktion charmant. Sie haben auf unserer Facebook-Seite eine Fotoserie gepostet, in dem zu sehen ist, wo wir ihre Agentur verortet haben. Da das GPS Modul des iPhones allerdings etwas ungenau ist, ist die Positon des Places auf einem nahegelegenen Parkplatz.

Über die Autorin Yvonne Neubauer:

Yvonne Neubauer arbeitet als freie Texterin und Redakteurin in Hamburg. Sie hat Startupcareer als Blog aufgebaut, der damals noch unter dem Namen HRinside lief. Nach der Übernahme von HRinside durch i-potentials Anfang April 2011 bloggt Yvonne Neubauer weiter auf Startupcareer. Ihre Lieblingsthemen: Köpfe der Internetszene, Social Media und HR-Trends.

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