Selbst ausbilden – gar nicht so kompliziert wie oft angenommen

Susanne Vieser, 08.11.2011, Keine Kommentare
0 Flares Filament.io 0 Flares ×

Okay, die Internetbranche lässt sich nicht leicht auf einen Nenner bringen. Technische Dienstleistungen, Online-Medien und -Werbung/Marketing sowie Webhandel organisieren sich in unterschiedlichen Netzwerken. Allen gemeinsam jedoch ist: Ihnen fehlen Fach- und Nachwuchskräfte. Auch deshalb, weil Start-ups und vor allem etablierte Unternehmen die Ausbildung vernachlässigen, oft aus Angst vor viel Aufwand und Bürokratie. “Geht schon!” – sagt unsere Gastautorin Susanne Vieser in ihrer heutigen Kolumne. 

Schade, den Unternehmen entgeht damit nicht nur ein enormes Potenzial an willigen, loyalen Mitarbeitern, sondern auch die Chance, das World Wide Web tiefer in den (Berufs)Alltag und in allen sozialen Gruppen zu integrieren. Den laut vorgetragenen Klagen über den Fachkräftemangel zum Trotz – wer von einer Hauptschule oder Realschule kommt, hat hier zu Lande wenige bis keine Chance, in einem Internet-Unternehmen Berufspraxis zu lernen: sich also dort zu engagieren, wo die Sites, Portale, Shops oder Spiele entstehen, die in der Freizeit so oft frequentiert werden. Vorurteile über das Wissen von Teenagern und über den Aufwand für Lehre sowie fehlendes Wissen um Berufsprofile oder auch falsche Eitelkeiten seitens der Unternehmen und Gründer versperren den Weg. Außerdem   herrscht im Internet Aufbruchstimmung. Es gibt noch wenige Standards, nur in wenigen Web-Bereichen wirklichen Wettbewerb. Und es kommen immer noch neue Nutzer hinzu. Folglich müssen Unternehmen noch nicht auf Nutzer und einzelne Zielgruppen eingehen. Wachstum stellt sich meist wie von selbst ein. Aber eine Branche und Unternehmen, die fast ausschließlich Hochschulabsolventen oder Studienabbrecher und  Internet-Könner beschäftigen, laufen Gefahr, dass sie sich immer weiter von ihren Kunden entfernen und damit den Draht zu deren Bedürfnissen und Wettbewerbsvorteile verlieren.

Kompetenzen checken, Lehrberuf auswählen, neue Zielgruppen im Recruiting erschließen und loslegen

Dabei können Fachangestellte für Dialogmarketing, Mediengestalter, Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, Kaufleute für Marketingkommunikation, Fachangestellte für visuelles Marketing oder Fachinformatiker/Anwendung viele Aufgaben in Online-Agenturen, bei Webhändlern oder technischen Dienstleistern ebenso lösen wie ein internet-versierter Hochschulabsolvent, der sich aber zu Recht bald mit Routinehandgriffen unterfordert fühlt. Knapp 20 Lehrberufe für Internet-Unternehmen lassen sich auf Anhieb unter den insgesamt 350 anerkannten aufspüren, noch mehr werden es, wenn auch traditionelle Fachaufgaben wie Drogist, Reisekaufleute oder Lagerlogistiker mit einbezogen werden.

Außerdem ist es ziemlich einfach, Ausbildungsbetrieb zu werden: Zum Angebot passende Berufsprofile aussuchen, auf Eignung überprüfen lassen und loslegen mit der Suche nach Lehrlingen und Azubis. Ansprechpartner sind in der Regel die lokalen Industrie- und Handelskammern. Bei ihnen finden Unternehmer und Personaler auch Ausbildungsberater. Diese empfehlen Lehrberufe, beraten in Sachen Ausbildung und stehen für rechtliche, praktische und organisatorische Fragen zur Verfügung oder moderieren, wenn es Probleme mit den Berufsschulen gibt.

Besser ist es aber, wenn Unternehmen ihren Bedarf an Kompetenzen selbst checken und unter den rund 350 anerkannten Lehrberufen nach passenden Profilen suchen. Beim Durchblättern können sie nämlich durchaus auf Berufe stoßen, von denen sie noch nie gehört haben (so ging es mir auch), deren Erfahrungen sie aber dringend benötigen. Auch so erschließen sie sich neue Rekrutierungspotenziale und suchen nicht mehr nur in gewohnten Umfeldern. Das Bundeswirtschaftsministerium listet online alle anerkannten Lehrberufe auf, noch ausführlicher erklärt das Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB im Netz Anforderungsprofile, Ausbildungsordungen oder Lehrpläne.

Vorteile für ausbildende Mitarbeiter

Große Anforderungen stellt der Gesetzgeber nicht an einen Ausbildungsbetrieb: Er muss lediglich geeignete Lehrstellen anbieten können und über ausreichend Fachkräfte verfügen, also Leute, die das geforderte Wissen aus den Berufsprofilen nachweisen  und dem Lehrling vermitteln können. Empfohlen wird ein Verhältnis aus Fachkräften und Lehrlingen von 3:1. Außerdem müssen Ausbildungsbetriebe aus dem Kreis der Mitarbeiter Ausbilder bestimmen, die Wissen möglichst gut und ansprechend vermitteln, ein Händchen für Jugendliche haben und Lehrlingen Arbeitsschritte erklären. Für manch einen Mitarbeiter ist diese Aufgabe eine Auszeichnung und kommt einem Aufstieg gleich. Und: Als Ausbilder können und sollen Mitarbeiter sich weitere Qualifikationen erarbeiten – so erschließen sich Unternehmen mehr Möglichkeiten im Umgang mit Angestellten. Zudem können Studienabbrecher, die den Jüngeren Erfahrungen und Wissen vermitteln wollen, im Nachhinein Kenntnisse zertifizieren lassen: Die Kammern prüfen die Eignung eines Unternehmens als Ausbildungsbetrieb anhand der Abschlüsse und praktischen Erfahrungen der Mitarbeiter und insbesondere der Ausbilder. Fehlen Testate, bieten die Kammern entsprechende Prüfungen und Lehrgänge an.

Der Aufwand lohnt sich

Sicherlich muss ein Arbeitsplatz zusätzlich eingerichtet und ist zudem besonders auf die Arbeitszeiten noch minderjähriger Lehrlinge zu achten. Natürlich fehlen Auszubildende nicht nur, weil sie krank, sondern regelmäßig, weil sie in der Berufsschule sind. Und auch klar, dass Ausbilder ausreichend Zeit für Erklärungen und Kontrollen brauchen, also nicht mehr so viele Aufträge wie vorher bearbeiten können. Möglicherweise sind auch Probleme mit der Berufsschule einzukalkulieren, die nicht mehr zeitgemäße Theorien und Arbeitsweisen lehrt: Trotzdem hält sich der Aufwand für einen Auszubildenden in Grenzen. Die Industrie- und Handelskammern schätzen ihn auf bis zu 25.000 Euro im Jahr, bereits im zweiten Lehrjahr arbeiten die Youngsters kostendeckend.

Wichtiger als diese Zahlen erscheinen mir aber die internen Chancen fürs Unternehmen, die sich mit einem Ausbildungsangebot eröffnen:

  • Gerade in jungen Unternehmen ist es der Startschuss zum Aufbau von Strukturen und professioneller Personalarbeit.
  • Jugendliche, Berufsschulen und auch deren Umfeld (Eltern, Freunde, Geschwister) bringen neue Sichtweisen, Perspektiven, Methoden und möglicherweise neue Aufträge und Ideen ins Unternehmen.
  • Ausbildung macht Qualifizierung in der Stamm-Mannschaft notwendig und eröffnet damit Wege, auch über Fort- und Weiterbildung nachzudenken.
  • Und ja, auch Web-Unternehmen haben einen gesellschaftlichen Bildungsauftrag: Wie sonst sollen Schulen und Fortbildungsinstitute sich auf neue Bedürfnisse einstellen können?
  • Nicht zuletzt befriedigt es ungemein, einem jungen Hüpfer etwas beizubringen und ihm dabei zu helfen, sein Leben  und seine Zukunft zu meistern.

Über die Autorin Susanne Vieser:

Susanne Vieser hat in München die Netzwerks-Agentur Text, Art&Konzept gegründet, die Start-ups und Firmen in Marketing- und PR-Fragen berät und auch Konzepte fürs Personalmarketing entwickelt.

Kommentare

comments

Keine Kommentare

Kommentar verfassen

Jobs finden, mit i-potentials

Sponsoren

Gastautor auf Startupcareer werden

Startupcareer Newsletter