Martin Gaedt beschäftigt sich als Geschäftsführer der YOUNECT GmbH seit Jahren mit dem Ausbildungsmarkt. Das erklärte Ziel der mehrfach prämierten Plattform YOUNECT.de ist die Vermittlung von Berufseinsteiger an Unternehmen und die Ansprache von Schülern, die bundesweit Ausbildungsplätze, duale Studiengänge und Praktika suchen. Im Interview räumt Martin Gaedt mit dem Vorurteil auf, dass kleinere und mittelständische Unternehmen grundsätzlich das Nachsehen im Wettbewerb um gute Auszubis haben – vorausgesetzt sie befolgen ein paar goldene Regeln beim Recruiting.
Wie sehen Sie momentan den Ausbildungsmarkt?
Jede pauschale Antwort ist falsch. Es gibt über 300 Landkreise, 350 Ausbildungsberufe, 920 Duale Studiengänge (Lehre + Uni). In jeder Region und in jedem Beruf sieht es anders aus.
In diesem Jahr gibt es in einigen Bundesländern noch doppelte Abitur-Jahrgänge. Aber der statistische Trend, der seit über zehn Jahren bekannt ist, trifft natürlich ein: Insgesamt gibt es weniger Bewerber. Hinzu kam 2009 die höchste Zahl von Ausbildungsabbrüchen: bundesweit 141.000.
Was sind 2011 die großen Herausforderungen auf dem Ausbildungsmarkt?
Die größte Herausforderung ist der mentale Wandel: Um Auszubildende muss jeder Arbeitgeber mehr kämpfen als früher. Bei sinkenden Schülerzahlen wächst gleichzeitig das Angebot für Schüler zum Beispiel durch Duale Studiengänge. Universitäten ziehen bis 2025 jährlich etwa 350.000 Erstsemester an. Beides führt neben dem demografischen Wandel zusätzlich zu weniger Auszubildenden.
Unternehmen, besonders die unbekannte Mehrheit, sollten überlegen, wie sie Auszubildende finden und dann auch langfristig binden. Längst gibt es Unternehmen, die den Azubis das Fitnessstudio und eine Sprachreise zusätzlich bezahlen. Das nützt dem Azubi und dem Unternehmen. Einen wichtigen Hinweis bieten aktuelle Umfrage: Schüler suchen Sicherheit. Absolventen suchen mehrheitlich gute Karriereperspektiven als ein üppiges Einstiegsgehalt.
Immer mehr Unternehmen bieten notgedrungen Nachhilfekurse, um den Azubis in Deutsch und Mathe auf die Sprünge zu helfen. Die Agentur für Arbeit fördert die Nachhilfekurse finanziell. Rund zehn Prozent der Jugendlichen brechen die Schule ohne Abschluss ab. Mentorenprogramme wie ROCK YOUR LIFE und JOBLINGE, die von Unternehmen regional gefördert werden, bieten eine 1:1-Begleitung, um Jugendliche mit Schwierigkeiten in Ausbildungen zu integrieren.
Wie finden auch kleinere und mittelständische Unternehmen geeignete Auszubildende?
Mitarbeiter und Azubis sind wichtige Multiplikatoren. Wer gerne zu seinem Arbeitgeber geht, strahlt das im Freundeskreis aus. Jedes Unternehmen kann Praktikumsplätze anbieten. Manche Unternehmen bieten Lehrern die Gestaltung von Schulunterricht an.
Einfache regionale Angebote sind oft auch die wirksamsten. Es geht bei KMUs vor allem Kommunikation, persönlichen Kontakt und dann um Passung, das heißt die zum Unternehmen passenden Azubis zu finden, und nicht um Massen.
Wie schaffen es kleinere und mittelständischen Unternehmen als Arbeitgeber auf dem Azubi-Markt überhaupt wahrgenommen zu werden?
Hier kommt den KMUs zugute, dass sie nur regional bekannt sein müssen. Liegt das Unternehmen auf dem Schulweg, wirkt schon ein großes, interessantes Banner. Ein Gartenbau-Unternehmer kann einmal pro Jahr einen lokalen Spielplatz umsonst renovieren oder einen öffentlichen Platz bepflanzen und dabei 20 Schüler praktisch einsetzen und testen. Möbelhäuser können mit Schülern Möbel entwerfen und bauen. Als thematischer Schwerpunkt eignen sich zum Länder, in die sie gerne verreisen. Unternehmen in der Internetbranche können beispielsweise Workshops anbieten.
Lassen Sie die Azubis ihre Nachfolger suchen. Fast alles ist wirksamer als die klassische Anzeige – egal ob Print oder online.
Welche Rolle spielt Social-Media auf dem Auszubildendenmarkt im Recruiting?
Es ist ein großes Missverständnis, das mir in Verbänden und Unternehmen begegnet, dass die reine Präsenz mit einer Website oder Facebook-Fanseite schon Wunder wirkt. Social Media lebt von Kommunikation. Kommunikation lebt von Interesse und Zeit. Die größte Herausforderung im Recruiting mit und ohne Social Media ist wie auch im Consumer-Markt: Zielgruppe definieren und deren Aufmerksamkeit gewinnen.
Wenn ein Unternehmen z.B. Schulunterricht gestaltet, einen Spielplatz mit Schüler renoviert oder einen regionalen Möbelbau-Wettbewerb veranstaltet, dann können solche herausragenden Ereignisse natürlich wirksam mit Social Media unterstützt, vor- und nachbereitet werden. Wer regelmäßig auf Messen geht, interessante Bilder zeigen kann und spannende Storys zu erzählen hat, der kann dafür Social Media nutzen.
Aber nicht jedes KMU braucht ein Profil auf Facebook oder Twitter. Es geht um Kommunikation mit Schülern, Lehrern und Eltern und das Erreichen der Freundeskreise meiner Zielgruppe. Dabei kann Social Media eine Rolle spielen, muss es aber nicht.
Haben Sie bei dem Matching von Auszubildenden und Ausbildungsbetrieben Erkenntnisse gewonnen, die Sie überrascht haben? Was ist der größte Aha-Effekt aus Ihren bisherigen Aktivitäten?
Erstens der hohe Grad der Zustimmung und die geringe Bereitschaft, das Matching passender Bewerber auszutesten. Wir hatten 2009 über 30.000 Schüler mit aktuellen Profilen in der Datenbank, die einen Ausbildungsplatz für 2010 gesucht haben. Wir waren auf den größten Personalmessen in München, Stuttgart und Köln. Hunderte Personalverantwortliche fanden eine Vorauswahl an Bewerbern sehr gut und nützlich. Aber die allerwenigsten haben die Suche ausgetestet. Wie groß muss die Not sein, damit neue Angebote wenigstens mal 15 Minuten ausprobiert werden? Länger hätte ein Test nicht gedauert, und das Ergebnis wäre sofort zu sehen gewesen.
Zweitens die Rolle der Region: Hochgerechnet bräuchten wir jährlich über 100.000 neue Bewerber, um in 300 Landkreisen und 350 Ausbildungsberufen jeweils nur einen passenden Bewerber auf Vorrat im Portal zu haben. Hier stehen Marketing-Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis. Deshalb gehen wir neue Wege und setzen auf die vorhandenen regionalen Netzwerke, Verbände und Initiativen wie Schule-Wirtschaft.
Woran erkennen Auszubildende einen guten Arbeitgeber?
Ein Bild, eine Erfahrung sagt mehr als 1000 Worte. Wir empfehlen immer ein Praktikum im Wunschbetrieb. So merkt man, ob man sich wohl fühlt. Die Mitarbeiter strahlen ihre Meinung aus, ob der Arbeitgeber gut ist. Dabei die wichtigsten Bezugspersonen kennen lernen: Ausbilder und andere Betreuer in der Ausbildung.
Ich würde Kontakt zu den aktuellen Azubis suchen. Die wissen am besten, wie es jetzt gerade ist. Im Web kann man nach Kommentaren suchen. Dauernörgler, die überall meckern, dabei bitte nicht zu sehr beachten.
Welche goldenen Regeln sollten Arbeitgeber beim Recruiting von Auszubildenden befolgen?
1. Kommunikation ist das A&O. Treten Sie mit den Schülern, die für Sie interessant sind, in Kommunikation.
2. Egal ob man wenige oder viele Bewerbungen bekommt, entscheidend ist die Passung. Auch bei vielen Bewerbungen kann der passendste Bewerber das Unternehmen nicht kennen.
3. Die wichtigsten Bezugspersonen für Schüler sind Freunde, Mitschüler, Eltern, Vertrauenslehrer und Sporttrainer.
4. Das gilt auch für Social Media. Schüler sind zum Beispiel auf Facebook sehr aktiv. Aber hauptsächlich mit Freunden, die sie auch in der Schule und Freizeit treffen.
5. Beim Bewerber muss das Besondere, ein Alleinstellungsmerkmal der Ausbildung und sein persönliches „WaBriMiDa“ hängen bleiben. Schüler haben viele Optionen, warum sollte der Bewerber gerade bei Ihnen anfangen?
6. Realistische Berufsbilder vermitteln. Praktikum anbieten. Falschen Erwartungen vorbeugen.
7. In der Region und Branche zusammen tun. Gemeinsam um gute Azubis zu kämpfen ist effektiver und effizienter.
Zur Person Martin Gaedt
Martin Gaedt, jahrgang 1968, hat 2007 mit Kathinka Alexandrow und anderen Partnern die YOUNECT GmbH gegründet, deren Geschäftsführer er ist. Seit 1999 ist er selbständiger Unternehmen. Mit der Ideenagentur „Knack die Nuss“ wurden Spiele und Kampagnen für Unternehmenskunden entwickelt. Er verhalf comp@ss Deutschland 2002 zum Start, der Net-comp@ss gilt als erster europäischer Jugendmedienschutzschein. Seit 2005 ist er Dozent für Projektmanagement für 17- bis 27-jährige Stipendiaten in der Civil-Academy. Als ehrenamtlicher Jugendleiter steht er seit 1987 in engem Kontakt mit Schülern. Aus diesen Erfahrungen kommt seine Passion für die Berufswahl von Schülern.



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