Seit etwa sechs Wochen gibt es ein neues Tool, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, Projekte komplett neuartig zu organisieren: bettermeans. Wie auf seinem Blog angekündigt musste Alexander Boerger von der Kooperationsberatung hello & like die dezentrale Organisationsplattform natürlich gleich testen. Er steckt noch mitten in der Organisation der Konferenz TEDxRheinhessen, hat das Tool dafür gleich mal eingesetzt sowie bei der weiteren Projektplanung des Internetbrunnens, der in Mainz spendenfinanziertes und öffentliches WLAN zur Verfügung stellt.
Einen Überblick über die Funktionsweise von bettermeans gibt das Unternehmensvideo – im danach folgendem Interview zieht Alexander Boerger ein erstes Résumée zur Nutzung von bettermeans und bergündet, unter welchen Bedingungen er den Einsatz für außerordentlich vielversprechend und wegweisend hält.
Du hast bettermeans getestet: Was ist das, was kann das?
bettermeans ist eine Onlineplattform zur Aufgabenorganisation, die es ermöglicht dezentral und ohne Boss an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten.
Was kann bettermeans, was eigentlich ein Boss macht?
Bei bettermeans ist das gemeinsame Ziel der Boss, ähnlich wie die Verfassung in der Politik. Wer am Ende die Entscheidungen fällen kann, wird gewählt. Es gibt einen Vorstand (Members), der über das Tagesgeschäft entscheidet. Darunter gibt es auch noch ein paar Kernmitglieder (Chore Members), die extra gewählt werden und an der Strategie arbeiten können.
Nach deiner politischen Wahlentscheidung frage ich jetzt mal nicht – aber wie zufrieden warst du denn mit der Wahl von bettermeans im Arbeitsalltag? Hat es dich überzeugt?
Es befindet sich noch in der Startphase. Bei meinen eigenen Projekten gab es noch keine kritischen Entscheidungen, aber der Aufbau zur Aufgabenorganisation ermöglicht es eine dynamische ToDo-Liste zu führen. Damit lässt sich zumindest schon mal das Wissen der Masse einsammeln.
Wie beurteilst du dabei die Usability?
Verglichen mit dem, was möglich ist, muss da noch Einiges passieren. Aber schlechter als die Officeprogramme ist bettermeans auch nicht. Wir, die Projektverantwortlichen vom Internetbrunnen und TEDxRheinhessen, sind aber schon dabei, diese Fehler auf der Plattform sichtbar zu machen und zu beheben. bettermeans verfolgt ihren Ansatz von Open Governance auch intern. Das heißt, dass sich jeder, dem was nicht gefällt oder der eine bessere Idee hat, diese vorstellen kann. Finden sich dann genug Unterstützer, wird der Arbeitsschritt ausgeschrieben (es gibt x Credits) und kann übernommen werden. Ist man fertig und alle sind mit den Ergebnissen zufrieden, dann wird die Aufgabe abgeschlossen und die Credits werden auf ein virtuelles Konto gezahlt.
Kannst Du mal eine konkrete Arbeitssituation skizzieren, in der der Einsatz von bettermeans jetzt schon sinnvoll ist?
Gerade wenn man ein Unternehemen gründet und erst mal nur die eigene Arbeitszeit als Wert hat, kann man als Team damit tracken, wer wieviel beigetragen hat. Außerdem ermöglicht es anderen einen Kredit in Form von Arbeitszeit zu geben.
Für welche Betriebsgröße eignet sich deiner Meinung nach solche Arbeitsweise?
Momentan ist die Plattform eher für kleine Unternehmen sinnvoll, da für große Unternehmen noch eine komplexere Differenzierung notwenig wäre. Man müsste bei bettermeans Verantwortungsbereiche festlegen können. Ich vermute auch, dass es sehr schwer ist, dieses System bei bestehenden Strukturen einzuführen, weil mit der Plattform auch ein individueller Machtverlusst verbunden wäre. Wer hingegen gerade erst loslegt, der kann mit der Plattform wachsen.
Aber bettermeans kann doch keine menschliche Führungsqualitäten ersetzen?
Nein, aber es setzt die Vision vom gemeinsamen Ziel in den Vordergrund. Um dieses Ziel zu erkennen und zu definieren, braucht es weiterhin Führungsqualitäten. Aber es ersetzt zum Teil das Management. Statt auf die Interpretation von einer Person zu setzen, setzt man auf viele Köpfe.
Du hast die dynamische ToDo-Liste angesprochen, welchen großen Vorteil bringt die dabei?
Das Prinzip ist nicht neu, und man kennt es von Bugtrackern oder der Software, die E-Mail -Anfragen bearbeitet. Aber es ermöglicht den Mitarbeitern, die Gesamtheit der Aufgaben zu sehen und sich mit den eigenen Fähigkeiten einzubringen.
Was erscheint dir neu an bettermeans?
Das Neue, was bettermeans einbringt, ist die Abstimmungsmöglichkeit und das Credit-System. Langfristig ist auch geplant die Buchhaltung mit zu übernehmen. Das heißt, einmal im Monat wird automatisch ein Betrag pro Credit an alle Mitarbeiter überwiesen. Die Credits helfen dann wiederum den Wert der einzelnen Aufgaben festzulegen. Gibt es für eine Aufgabe zu wenig Geld, bleibt sie unerledigt.
Übrigens kann jeder, der Verbesserungsvorschläge hat, diese einbringen und umsetzen. Wenn das Unternehmen ein Erfolg wird, erhält er Geld dafür. Dadurch schaffen sie eine Kunden- und Mitarbeiterbindung, die auf herkömmlichen Weg nicht möglich ist. Man ist viel motivierter, die Idee zu verbreiten und gibt sich auch mehr Mühe, wenn man am Gesamterfolg beteiligt wird.
Magst du abschließend eine Prognose wagen? Wird sich bettermeans durchsetzen oder ist es zu revolutionär in seinen Ansätzen?
Ich denke, dass bettermeans einen wichtigen Anstoß für neue Formen der Arbeitsorganisation gibt. Dabei geht es nicht mehr um Durchsetzen, denn bettermeans bietet eine Plattform, die es anderen Ideen ermöglicht zu wachsen. Aber bettermeans muss auch mitwachsen und es ist immer möglich, dass man sich zu viele Steine in den Weg legt und dann neu starten muss. Aber ich bin mir sicher, dass durch bettermeans einige Unternehmensformen entstehen werden, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Die Probleme anders, effektiver oder besser lösen können.
Weitere Interviews mit Alexander Boerger auf HRinside:
_ Teil 1 des Interviews: “Ein Dialog zwischen Personalern und Bewerbern – ob das zu schaffen ist?”
_ Teil 2 des Interviews: “Im Unternehmen hat man zu wenig Möglichkeiten zu scheitern”
_ Teil 3 des Interviews: “Wir schreiben in Deutsch Bewerbungen – aber mir wurde nicht einmal gezeigt, wie ich einen Businessplan erstelle”
Zur Person Alexander Boerger
Alexander Boerger ist Diplom Medien-Designer und hat während des Studiums als Freiberufler für verschiedene Werbeproduktionen gearbeitet. Nachdem seine Freunde die teueren Spots aber nur noch bei Youtube angesehen haben, beschäftigte er sich stärker mit Social Media. Nach einem Jahr auf der Suche nach Jobs, bei denen es seiner Ansicht nach zumeist nur um Spammen ging, gründete er die Kooperationsberatung Hello & Like . Sein Ansatz ist es, durch offenere Kommunikation zwischen verschiedenen Parteien Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu schaffen.



Ein Kommentar
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