Studie zur visuellen Menschenkenntnis – ein kommentierter Selbstversuch

Yvonne Neubauer, 10.11.2010, 6 Kommentare
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Eine beachtliche Traube von Menschen sammelt sich um eine Rednerin auf der Konferenz Zukunft Personal. Sie zeigt auf eine Frau in der ersten Reihe und sagt: „Sie zum Beispiel! Sie haben ja eine recht breite Nasenwurzel!“. Eigentlich will ich gar nicht stehen bleiben, aber ich fühle mich irgendwie so ertappt. Erleichtert stelle ich fest, dass ich in diesem Moment nicht die Einzige bin, die sich prüfend mit Daumen und Zeigefinger an die eigene Nase fasst. Einige Teilnehmer im Publikum rutschen beunruhigt wirkend auf den Stühlen hin- und her. Die Frau mit dem Mikrofon redet gelassen weiter: „Menschen mit einer breiten Nasenwurzel besitzen oft folgende Charaktereigenschaft… “ . Ein Moment, als hätte ich in eine Sendung eines bestimmten Privatsenders hereingeschaltet. Ich runzele die Stirn (ob die zu großflächig ist?) – aber wegschauen oder -gehen kann ich auch nicht vor lauter Fremdschämen.

Ein Blick auf den benachbarten Infostand des Instituts ändert das schnell: Fast Menschenleer. Noch. Die Gelegenheit nutzend pirsche ich mich heran. „Wir wollen einen Zusammenhang zwischen bestimmten Persönlichkeitsstrukturen und den Gesichtsmerkmalen aufzeigen“, erklärt mir eine freundliche Mitarbeiterin. Ob sie jetzt und hier mein Gesicht erfassen und mir dann einige Wochen später die Ergebnisse zur Überprüfung mailen dürfe? „Unbedingt!“, raune ich. Diesen Spaß lasse ich mir doch keineswegs entgehen!

Am vergangenen Wochenende erreichen mich die Ergebnisse der von ihr ausgefüllten Studienbögen per Mail. Die Erkenntnisse der Studien sollen beispielsweise in ein Coaching oder die Profilanalyse für die Förderung von Mitarbeitern und Führungskräften eingehen. Sofort klicke ich auf die Dokumente im Anhang.

Als hätte ich es geahnt (oder sogar selbst schon einmal im Spiegel entdeckt): „Nasenwurzel breit“ lautet der Titel eines Studienblattes. Was bei jedem anderen ersten Kennenlernen als eher ungünstiger Gesprächseinstieg gewertet worden wäre, klingt beim Öffnen der entsprechenden Datei gar nicht mehr so sozial unkompartibel:
„Frau/Herr X verfügt über einen ausgeprägten geistigen Überblick. Es können und müssen mehrere Abläufe parallel aufgenommen und erledigt werden. Trotz einer anregenden Unterhaltung ist es zum Beispiel möglich dem Gespräch am Nebentisch zu lauschen oder das Schreiben und Zuhören in einem Seminar sind gleichzeitig möglich.“  Attribute wie „multitaskingfähig“ oder „hoher Grad an Aufnahmefähigkeit“ lassen mich urplötzlich einen ganz anderen Blick auf meine Knolle werfen. Wie bei einem Horoskop, das ich aus Prinzip nur glaube, wenn es gut ist, ignoriere ich den Satz „dadurch ist sie/er durch die Geschehnisse in ihrer/seiner direkten Umwelt in der Konzentration abzulenken.“

Möglichst hochkonzentriert öffne ich das Dokument „Studienblatt Mundschluß locker“. Ich lese diese Zeilen:
„Der Kopf als Kontrollinstanz wird nicht immer durchlaufen bevor die Worte den Mund verlassen. Sie/Er sprudelt mit dem, was sie/er denkt hervor. Sie/er ist sehr offen und Gefühläußerung kann sie/er sich nur schwer verkneifen. Es wird gerne geplaudert und manchmal bringt sie/er sich mit ihren/seinen spontanen, auch unbedachten Äußerungen, in schwierige oder unangenehme Situationen.“ Ich atme erleichtert auf. Zum Glück habe ich bei der Feststellung meiner Gesichtsmerkmale nicht meinen Mund öffnen müssen, damit der Durchmesser bestimmt werden konnte. Womöglich wäre dabei noch herausgekommen, wie groß meine Klappe tatsächlich ist.

Das Studienblatt „Nasenlöcher schmal“ verrät angeblich das: Ich würde den kleinen vertrauten Kreis bevorzugen und erst da so richtig aus mir herauskommen. In einer fremden Umgebung fühlte ich mich befangen und sei zurückhaltend mit Äußerungen. Ich fange an mich zu wundern, dass in der Auswertung nicht steht: „Die erfasste Person neigt zum Amoklauf. Sie hat schmale Nasenlöcher und kann Andere deswegen nicht so gut riechen.“

Außerdem gerate ich ein wenig in Sorge um mich. Das nächste Dokument verheißt nichts Gutes: „Seelisches Kommu nicht vorhanden“. Dieser Blick in das Innerste meiner Seele ist bei dieser Studie durch folgendes Merkmal bestimmt und schriftlich festgehalten: „Die innere Helix ist unterhalb der äußeren Helix (Ohr).“

Mir wird bescheinigt, meine Lösungen für mich alleine zu finden. Klingt so unabhängig, gefällt mir zugegebenermaßen irgendwie. „Ein Gespräch dient zum Sammeln von Informationen“, heißt es weiter. Mich beschleicht das Gefühl, mit dieser Auffassung von Gespräch stehe ich nicht alleine da. Trotzdem wird mir schwarz auf weiß bescheinigt, ich sei eine absolute Eigenbrödlerin. Weiterhin ist über mich – aufgrund der anatomischen Begebenheit meines Ohrs – folgende Aussage getroffen worden: „Das Motto lautet: erst denken, dann reden!“ und „Ihre Äußerungen sind sehr durchdacht.“ Ich bin nun echt irritiert: Passt mein Mund etwa nicht zu meinem Ohr?! Ich entwickele Mitleid mit mir: Hätte ich vorher doch nur gewusst, welche inneren Konflikte im Zuge von Kommunikation ich in mir trage!

Mein Ohr beginnt mich zum ersten Mal so richtig zu beschäftigen, zumal bei mir das Merkmal „Volles großes Ohrläppchen“ diagnostiziert wurde. In den letzten zwei Wochen etwa fünf Taschentuchpackungen verbrauchend liest sich der Satz „Sie generiert sich schnell von Krankheiten“ wie blanker Hohn. Die angebliche Charaktereigenschaft „kann schwierig etwas wegwerfen und gehört zu den Sammlern“ trifft glücklicherweise auch nicht auf verbrauchte Taschentücher zu. Und auch sonst kann ich mich bei bestem Willen an nichts erinnern, was ich jemals gesammelt habe.

Vielleicht habe ich das ja lediglich vergessen. Zur Sicherheit öffne ich das „Studienblatt Gedächtnis Begebenheiten“. Nur ein einziger Satz: „Sie hat ein gutes Gedächtnis für Begebenheiten. Vergisst selbst Details nicht.“ Als visuelles Merkmal ist für diese Annahme festgehalten: Auswölbung zwischen den Augenbrauen. Ob die Erheber dieser Studie davon ausgehen, dass es das großes Gedächnis ist, dass da gegen meine Stirn drückt?

Das „Studienblatt Wort und Sinn“ schreibt mir einen gut ausgeprägten Wort- und Redesinn zu, gar eine Neigung zur Poesie und zum Schreiben. Der Satz „Teilweise ist die Sprache blumig und sie/er bindet auf alles Gesprochene ein Schleifchen“, gefällt mir besonders gut. Wenn dem so ist, verfügt der Verfasser der Auswertung auf jeden Fall wie ich über große Flächen und Auswölbung zwischen Auge und Augenbraue im äußeren Augenwinkel.

Nach einer Abhandlung über die Fähigkeit zum Erlernen von Fremdsprachen („Mit Fremdsprachen tut sie/er sich schwer, da auch hier der hohe Anspruch an Sprache vorhanden ist und nicht eine Vokabel einfach durch andere ersetzt werden kann“), folgt der Satz: „Ist ein umfassender Schatz an Vokabeln vorhanden, wird die Sprache sehr gut gesprochen.“ Ungeduld war zwar noch nicht Gegenstand der Analyse, aber trotzdem nehme mir zu wenig Zeit zum Überlegen, wie eine Sprache ohne großen Wortschatz sehr gut gesprochen wird – zu gern möchte ich wissen, was sich hinter dem nächsten Dokument mit dem Titel „Studienblatt Auffassungsgabe schnell“ verbirgt.

Ich lese:
„Sie besitzt eine schnelle geistige Auffassungsgabe. Das heißt, alles was sie/er hört und sieht, wird blitzschnell in die Vorstellung transferiert. Dort wird es sofort überdacht und eine Entscheidung getroffen, was zu tun oder nicht zu tun ist. Ein Feedback ist bei ihr/ihm ausgesprochen schnell möglich. Ihre/seine Gedanken fließen direkt in die Vorstellung. Bei veränderten Begebenheiten werden die Handlungen und Entscheidungen umgehend angepasst. Sie/er besitzt geistige Flexibilität.“

Schade – diese Aussage ist nicht nach einem Gespräch, Test, Überprüfung meiner Arbeitsweise oder einem von mir entwickelten Lösungsweg getroffen worden, sondern aufgrund eines „schrägen bis geraden Übergangs von der Nase zur Stirn“.

So gern ich solche Äußerungen über mich aufgrund angeblicher visueller Menschenkenntnisse glauben möchte – ich finde die Aussagen ganz schön vermessen. Anstatt mich bei Fernsehsendungen zu lange fremd zu schämen, schalte ich künftig definitiv weg.

Aber die Aussagen, die über mich allein aufgrund von Gesichtsmerkmalen getroffen worden sind, soll ich laut Mail verifizieren. Mache ich natürlich glatt und berichte dann hier darüber.

Über die Autorin Yvonne Neubauer:

Yvonne Neubauer arbeitet als freie Texterin und Redakteurin in Hamburg. Sie hat Startupcareer als Blog aufgebaut, der damals noch unter dem Namen HRinside lief. Nach der Übernahme von HRinside durch i-potentials Anfang April 2011 bloggt Yvonne Neubauer weiter auf Startupcareer. Ihre Lieblingsthemen: Köpfe der Internetszene, Social Media und HR-Trends.

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