“Work Hard – Play Hard” – Ein Gruselfilm für Startup-Mitarbeiter

Janka Schmeisser, 27.04.2012, Keine Kommentare
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Wer wissen will, was die Arbeitswelt von Konzernen grundlegend von der im Startup unterscheidet, kommt an diesem Film nicht vorbei: “Work Hard – Play Hard” ist eine Dokumentation von Carmen Losmann, die Change Management Prozesse in Konzernen wie Unilever, Deutsche Post und Accenture begleitet hat. Wir haben uns den Film angesehen und sind mit einer Mischung aus Grusel, Belustigung und und ehrlichem Stolz auf die Startup-Kultur rausgegangen.

Sprich so, dass man Dich nicht versteht.

Im Trailer wirken der junge Mann und seine Standard-Antworten noch ganz erheiternd – “Ich bin sehr ehrgeizig, vielleicht sogar etwas verbissen, ich könnte manchmal durchaus etwas lockerer sein.” Locker wird er aber im gesamten Interview nicht, im Gegenteil. Die Mimik sitzt perfekt, da ist kein Ausdruck überraschend, selbst den Schluck Wasser nimmt er an der passenden Stelle, das Lächeln fügt sich immer perfekt in den Gesprächsfluss und alle Antworten, die dieser Junior Marketing Manager gibt, sind: Leere Worthülsen.
Die Minuten, die dieses Interview im Film einnimmt, sind quälend und am Ende fragt man sich: Ob der wohl auch ehrlich lächeln kann? Und ob er wohl Spaß hat in seinem Job? Man weiß es nicht und die Interviewer, die da vor ihm saßen, hat das ganz offensichtlich nicht interessiert.

Wir sind professionell und gehen zum Lachen in den Keller.

Schade eigentlich, dass Potential in diesem Prozess nichts mit Spaß am Job zu tun hat. Die Interview-Crew bei Schott Solar beglückt eine Mitarbeiterin allen Ernstes mit dem Feedback, sie würde ein bisschen zu viel lachen. Uns war die fröhliche Vertriebsmitarbeiterin gerade ganz sympathisch geworden, auch weil sie dieses ganzes Interview einfach nicht ganz so ernst nahm. Nun, denkt man sich, wir sind verwöhnt vom Startup-Umfeld, das läuft im Konzern eben einfach ein bisschen förmlicher. Aber in “Work Hard – Play Hard” kommt es schlimmer…

Change Management: Sprechen wir einfach nicht drüber.

“Change Agents”  bei der Deutschen Post im Training. Irgendwie sieht man ihnen an, dass sie den großen Change-Prozess hin zum “schlanken” Unternehmen nicht so richtig verstehen.  Einer der “Change Agents” fragt auch prompt danach, was er seinem Team jetzt eigentlich genau erzählen soll und wie er den großen Change nun anstößt.
“Nun, wir haben die Ziele ja hier festgelegt, die kommunizieren Sie und die müssen erreicht werden. Wenn es da Widerstände gibt, wird irgendwann einfach nicht mehr drüber gesprochen. Und wenn das nichts hilft, dann ist die nächste Eskalationsstufe die Induzierung von Leidensdruck.” – ist die Antwort der Beraterin von Kienbaum.

Spätestens hier hat der geneigte Startup-Mitarbeiter und Verfechter von Eigenverantwortung aufgehört zu glauben dass Konzerne ihre Kultur und Arbeitsbedingungen zugunsten der Mitarbeiter verändern können (und wollen).

Unzufriedene Mitarbeiter sind zu ignorieren.

Um diesen naiven Glauben vollständig zu zerstören, folgt dann eine weitere Szene zum Teamspirit bei der Deutschen Post. Morgendliches Teammeeting: “Wie geht’s Euch heute? – Gut. “Wie ging’s Euch gestern?” – “Besser”  antwortet eine Mitarbeiterin, “da war ich nicht hier”. “Schön für Dich, schlecht für uns,” ist alles was der Teamleiter dazu zu sagen hat und hoppla hopp heißt es “Frohes Schaffen!” und zurück zur Tagesordnung.

Where’s the “Human” in “HR”?

Es mag naiv sein zu erwarten, dass alle Unternehmen ihre Mitarbeiter ernst nehmen oder sich prinzipiell für deren Ansichten und Motivationen interessieren. Es mag ebenso naiv sein zu meinen, dass Großkonzerne andere Optionen hätten als eine umfassende Standardisierung und Katalogisierung ihrer “Potentiale” und “Talente”.
Aber jetzt mal ehrlich: Ist es nicht ebenso naiv zu glauben, man könnte einen Tanker von der Größe der Deutschen Post auf irgendeinen Weg des Wandels bringen, wenn man den Mitarbeitern konsequent nicht zuhört und sie über “Leidensdruck” zur Zielerreichung zwingen will? Und noch viel naiver zu glauben, dass diese Bedingungen beim zunehmend scharfen Kampf um Talente zukunftsfähig sind?

Fazit: Für Unternehmen, die Menschen wollen, kein Humankapital.

Niemand in diesem Film erwähnt einmal, dass er Spaß an seiner Arbeit hätte. Nicht ein einziges Mal sagt jemand, warum er seinen Job macht und welchen Sinn das für ihn hat. Keine einzige Sequenz vermittelt irgendeine Art von Zusammenhalt, geschweige denn Fröhlichkeit und Begeisterung, kein Gespräch echtes, persönliches Interesse am jeweiligen Gesprächspartner. Gestandene Konzern-Mitarbeiter mögen das normal finden. Wir nicht.
Trotzdem: Unbedingt anschauen! Auch wenn die Dokumentation ihre Längen hat und durchaus ein wenig mehr roten Faden hätte vertragen können, ist sie ein guter Info-Film für alle, die wissen wollen wie’s im Konzern so aussieht. Letztlich ist “Work Hard – Play Hard” Werbung für Unternehmen, die in der Lage sind,  in ihren Mitarbeitern ganze Menschen zu sehen, nicht nur katalogisierbare Potentiale.

Habt ein schönes Wochenende!

Über die Autorin Janka Schmeißer:

ist Head of Publishing&Marketing bei i-potentials und verantwortet die Öffentlichkeitsarbeit und Marketingaktivitäten des Unternehmens. Janka ist seit September 2010 bei i-potentials und freut sich jeden Tag, mit dem Unternehmen und den Aufgaben zu wachsen. Thematisch hat sie neben dem Publishing vor allem eine Leidenschaft für den Wandel der Arbeitswelt durch die Digitalisierung entwickelt.

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